Hagen Rether: Scharf, zynisch oder bittersüß

Von Elisa Zander – Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten

Würselen. «Ich habe den Tipp von Götz Alsmann bekommen, der hat gefragt: „Warst du schon mal in Würselen? Das ist toll, die machen da Picknick“.» Zum Beweis halten einige Zuschauer ihre vollgepackten Körbe hoch. Hagen Rether ist angetan. Auch er hat etwas für den Hunger zwischendurch dabei. Fünf Bananen liegen auf dem schwarzen Flügel, der neben einem Drehstuhl das einzige Objekt auf der Bühne der Burg Wilhelmstein an diesem Abend ist. Mehr braucht der Mann für seine Show nicht. Das, was hier zählt, sind Worte, mal scharf geschossen, mal bittersüß, mal zynisch.
Zuschauer aus der Städteregion und weit darüber hinaus, aus Köln, Hannover, sogar den Nachbarländern Belgien und Niederlande, sind sie angereist, um das Programm «Liebe» zu sehen. Nach eindeutigen Gründen für die Wahl des Titels sucht man in den gut drei Stunden nahezu vergeblich. Zwischen den Zeilen wird man eher fündig, es bleibt Platz für Interpretation. Denn Hagen Rether ist kein Kabarettist im klassischen Sinne. Auf seichtes Geplänkel oder Anekdoten von Frauen im Bauhaus wartet man (dankenswerterweise) vergeblich. Natürlich wird hier auch gelacht, aber das, was den schick herausgeputzten Mann ausmacht, ist seine Kunst, Gesellschaftskritik zu vermitteln.

Weltgeschehen im Plauderton

Es ist intelligentes Kabarett, das Hagen Rether bietet. Im smarten Plauderton nimmt er durchdacht und ohne Hast, voller Sarkasmus, Ironie und Angriffslust, das Weltgeschehen auseinander.

Nichts ist vor dem Zyniker sicher: Ob die Katholische Kirche, Wirtschaftskrise, Ökologie, die Medien, politische Machtkämpfe oder das Verlangen der Gesellschaft der Individualität des Menschen den Gar auszumachen – Hagen Rether spricht unverblümt das aus, was er denkt. „Der Ratzinger watscht alles ab, was nicht katholisch und hetero ist. Der arbeitet hundertprozentig für die andere Seite.“ Dass, was Hagen Rether versucht, ist, seinem Publikum zu zeigen, in welcher Welt es lebt. „Wenn die Banker an der Wallstreet Bärte gehabt hätten, wäre die Aufmerksamkeit der Welt dort und nicht im Irak gewesen. Wir schaffen uns ein Feindbild und wer nicht in das Klischee passt, der ist auch kein Widersacher.“ „Denkverbot“ nennt es Hagen Rether.

Ein Mentalitätsproblem

Auch das System Deutschlands wird von ihm auseinandergenommen, wenn er mit hintersinnigem Humor „entlarvt“, dass Rechts- und Linksextremismus in der BRD in einen Topf geworfen werden. „Linke Gewalt ist, wenn Porsche angezündet werden, aber rechte Gewalttäter werfen Asylanten aus der U-Bahn.“

Und um die Crux noch zu verstärken, erzählt er, dass Menschen, die einen Polizisten in Deutschland angreifen, mit zwei Jahren Haft rechnen müssen. Wird das Dienstauto angezündet, stehen fünf Jahre Gefängnis an. „Wir haben in Deutschland ein Mentalitätsproblem.“

Offensichtlich. Und damit niemand es merkt, „werden wir mit Geschichten über Kachelmann und Sauerland abgelenkt“.

Drei Stunden lang hält Hagen Rether der Gesellschaft den Spiegel vor. Nüchtern, fast emotionslos konfrontiert er sein Publikum mit ungeschönten Tatsachen und übergießt es mit intelligenten Schlüssen.

Entsprechend ist zu Weilen die Reaktion der Besucher. Wenn Hagen Rether in einer Parodie auf Herbert Grönemeyer und dessen Hit „Männer“ – nach knapp 80 Minuten greift der Pianist erstmals in die Tasten – mit der Frage „Wann ist ein Mann ein Mann“ eine Antwort sucht und traurige Wahrheiten über Frauen erzählt, dann lachen die Zuschauer. Frauen übrigens gleichermaßen wie Männer. Sie lachen über Beschneidung, ungleiche Gehälter, sexuelle Gewalt.

Hagen Rether gibt dem Gelächter Kontra: „Das ist nicht lustig.“ Und das meint er nicht komisch, sondern vollkommen ernst. Doch bei allem Weltschmerz ist der 40-Jährige Optimist, der glaubt, wenn jeder nachdenkt und sich nichts vordenken lässt, wird es besser. Er gibt Anstoß und zeigt selbst, wie es geht, indem er Haltung zeigt und Stellung bezieht. Und dann wird klar, warum das Programm Liebe heißt: Es ist die Liebe zur Wahrheit.

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